Naturheilkunde

Gedicht von einer meiner Patienten


Nach der zehnten Diagnose
und der zwölften Therapie
- alle gingen in die Hose -
fühlt sich der Mensch so krank wie nie.

Er pfeift schon auf dem letzten Loch.
Doch außer Selbstmord bleibt ihm noch,
ganz kurz vor seiner letzten Stunde,
die Flucht in die Naturheilkunde.

Der erste Blick schon in die Augen
ergibt, so hört er, mit Gewähr,
dass viele Ärzte wenig taugen
und der Rest nicht sehr viel mehr.

Auch was der Wunderheiler ihm verspricht,
glaubt der Mensch zunächst mal nicht,
doch er beginnt, man weiß ja nie,
die allerletzte Therapie.

Viel schlimmer kann es ja nicht werden
nach all den Leiden und Beschwerden.

Ganz ungewohnte Heilmethoden
für Körper, Psyche, Leib und Seele
werden ihm jetzt angeboten,
auf dass ihm künftig nichts mehr fehle.

Weit mehr als Krankenhaus und Kuren,
weit mehr als Gott im weißen Kittel
mit Titeln und mit Professuren
hilft dir Natur mit sanften Mitteln.

Für alle Zukunft wird er schwärmen
von Aderlass und Infusionen,
von Tiefenwärme und von Tropfen,
von Egeln, Eigenblut und Schröpfen,

von peinlich sauberen Gedärmen,
von Therapien, die sich lohnen,
die sicher zur Gesundheit führen
und nicht nur am Symptom kurieren.

Er fühlt sich frisch und fit wie keiner,
er isst und trinkt, treibt wieder Sport;
„Schau mir in die Augen, Kleiner“,
ist sein künftig Zauberwort.

2006 Lamer