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Baunscheidt am Oberarm

DURCH STICHELN ENTGIFTEN

Klirrend fällt Ihnen beim Abtrocknen das Essbesteck zu Boden. Sie sind verzweifelt, denn es geschah nicht etwa aus Ungeschick, sondern weil Ihre rechte Hand sich so schmerzhaft versteift hatte. „Gicht oder Rheuma“, denken Sie ärgerlich. Entspannung suchend, setzen Sie sich in den Garten. Als Sie die schmerzende Hand auf den Tisch legen, wird diese gleich von mehreren Mücken gestochen.

Heilkraft im Mückenstich

Carl Baunscheidt

Ungefähr so erging es vor etwa 150 Jahren dem 36jährigen Mechaniker Carl Baunscheidt (1809 -1872), als er sich an einem schwülen Sommertag, nach dem Entgleiten der Feile aus seiner steifen Hand, in Bonn-Endenich im Garten niedergelassen hatte. Doch wie überrascht war er, als nach den Mückenstichen seine Gichtschmerzen fast augenblicklich verschwanden. Das ließ den Erfinder in ihm nicht ruhen, die Mückenstiche künstlich nachzuahmen. Durch die von den Stichen geschaffenen Hautöffnungen, so glaubte er, würden die krankmachenden Stoffe entweichen. 1848 konstruierte er deshalb einen „Nadelapparat“, einen Schnäpper, den er „Lebenswecker“ nannte: 33 Stahlnadeln auf einer Scheibe in einer Metallhülse können damit durch Lösen einer Spiralfeder ein bis zwei Millimeter tief in die Haut eingeschnellt werden. Bestimmte Hautstellen (Reflexzonen innerer Körperbezirke) lassen sich so bis in die Lederhaut hinein sticheln, ohne das Blut zutage tritt.

Doch der Stachel der Mücke allein, dachte der „Mechanikus“, kann es nicht sein. Das beim Einstich ausgeschiedene Sekret musste mitwirken bei Schwellung und Pustelbildung. Er schuf darum eine hautreizende Ölmischung als „Pustulantlum“ zum Einpinseln in die „genadelten“ Flächen. Baunscheidts Erfindung wurde schon bald von der Bonner Medizinischen Fakultät allen praktischen Ärzten nachdrücklich empfohlen.

Reizen durch "Ritzen"

Die mit Alkohol gereinigten Stellen werden je nach Hautart mit dem Nadelgerät sanfter oder kräftiger gestichelt, und zwar häufig rechts und links der Wirbelsäule, in jeder Reihe etwa 20mal, aber auch auf dem Brustkorb, an Armen, Gesäß oder Unterschenkel. Die so „geöffnete“, aufnahmebereite Haut wird mit Reizöl eingerieben und dann für mindestens fünf Tage mit Watte abgedeckt. Während dieser Zeit bilden sich viele kleine, hirsekorngroße Pusteln, Quaddeln oder größere Blasen. Diese entleeren ihren klaren oder eitrigen Inhalt, platzen aber auch oft gar nicht auf und verschwinden wieder mit der Hautröte, ohne Narben zu hinterlassen. Dieser künstlich erzeugte Ausschlag („Exanthem“) soll die reflektorisch verbundenen inneren Organe reizen, den Lymphstrom anregen, die Abwehrkräfte aktivieren und Absonderungen sowie Stoffwechselschlack-en an die Oberfläche bringen.

Wann wird geritzt?

In Baunscheidts Register stehen 56 Indikationen. Der erfahrene Humoraltherapeut Dr. med. Johann Abele, Schwäbisch Gmünd, bedauert, dass das Baunscheidtieren heute fast nur noch bei „resistenten rheumatischen Beschwerden herangezogen“ werde, weil es „die Bequemlichkeit des Patienten“ störe. Es kommt in Betracht bei Arthrose, Arthritis, chronischem Gelenkrheuma, Bechterewscher und Scheuermannscher Erkrankung, Gicht und Weichteilrheumatismus, aber auch bei Krankheiten innerer Organe wie Augenleiden, Rachen-, Mandeln-, Kehlkopf-, Bronchien- und Lungenbeschwerden, Gallestau, Steinen, Magenmuskelerschlaffung, Pankreasschwäche, Sodbrennen, Divertikulose (Darmwandausbuchtungen) Hämorrhoiden und Entzündungen von Nieren, Blase und Prostata, bei Infektionen und bei Nervenleiden wie Migräne und Schlaflosigkeit. Zahlreiche Krankengeschichten zeugen von beachtlichen Heilungen. An wissenschaftlichen Forschungen mangelt es jedoch. baunscheidtieren kann Schmerzen ähnlich einem Sonnenbrand, aber auch Fieber oder ein „grippiges Gefühl“ als erwünschte Reaktion hervorrufen und sollte niemals in Selbstbehandlung angewendet werden. Wegen Allergiegefahr ist vorher an unauffälliger Stelle ein Probe-Pustel zu setzen.

Vier Fallbeispiele