Zur Ader gelassen

Der Aderlass sollte nüchtern erfolgen und bei Patienten im Alter von 35—77 Jahren. Es wird ein spezielles Messer oder eine Venennadel benutzt. Meist «öffnet« man eine Vene in der Armbeuge (bei Männern rechts, bei Frauen links), bei schon bestehenden Krankheiten aber auch an anderen Orten, z. B. in der Kniekehle oder am Fußknöchel (bei Arthrose), am Unterschenkel (zur Anregung der Menstruation oder bei Besenreiservarizen), im Kreuzbeinbereich (bei «Hexenschuß«), nahe am Rippenbogen (bei Leberstauung) oder über dem siebten Halswirbel (bei Schilddrüsenstörungen), kurzum: so nahe wie möglich am «gestauten« Gebiet.

Das Blut (höchstens 150 Milliliter) muß aus der Vene frei fließen, und zwar in entspannter Atmosphäre. Um den richtigen Zeitpunkt zu ermitteln, wird vom letzten Neumond (Eintritt bis 12 Uhr mittags) als Tag 1 ausgegangen. Der nächste Tag ist dann Tag 2, der folgende Tag ist Tag 3 usw. Gelegentlich muß soder 30. Tag ausfallen. Ist der letzte Neumond nach 12 Uhr mittags (MEZ) eingetreten, zählt erst der diesem Neumond folgende Tag als Tag

1. Zum Aderlaß geeignet sind nur die dreizehn Tage 6, 11, 12, 15, 17, 18, 21 bis 26 und 28. An den 39 «Schwendtagen« im Jahr (z. B. am 13., 14., 15. und 29. März) sollte niemand zur Ader gelassen werden.

Der Aderlaß dient nicht nur zur Vorbeugung («Blutreinigungskur« im Frühjahr), Entgiftung oder Entstrahlung. Schon Hildegard von Bingen (1098—1179) bezeichnete ihn als wichtigste allgemeine Behandlungsmethode auch bei schweren chronischen Erkrankungen. Hufeland Reinigen heißt heilen (Goethe) Januar 1996

In sanguine vita (Im Blut ist Lehen) Der Blutentzug ist unentbehrlich!, betont der große Naturmediziner und Paracelsusforscher Dr. med. Bernhard Aschner (1883-1960). In seinem Lehrbuch widmet er allein dem Aderlaß 68 eng bedruckte Seiten. Wie wenn eine Last von uns genommen wäre, fühlen wir uns nach einem Aderlaß. Wer einen will zur Ader lassen, der muß ihn auch verbinden können! (Sprichwort)

ADERLASS IN DER ARMBEUGE

Der Aderlaß zählte zu den «Kardinalmitteln der Heilkunst». Weil man die Grenzen dieser Therapie oft nicht kannte und wahrte und des Guten zuviel tat, geriet der Aderlass Misskredit. 

Stellen wir uns einen Patienten vor mit hochrotem Gesicht, Schweiß auf der Stirn, drückendem Kopfschmerz, hohem Blutdruck und Gefäßverengungen, vom Schlaganfall bedroht - ihm ist die Blutfülle schon äußerlich anzusehen. Ein Aderlass kann dem Schlaganfall vorbeugen. Eine entsprechende Selbsthilfe des Körpers wäre z. B. spontanes Nasenbluten. Staut sich das Blut in den Venen, so ist das Herz trotz erhöhter Pressleistung oft nicht in der Lage, alle Organe ausreichend mit frischem sauerstoffbeladenem Blut zu versorgen. Bläuliche Verfärbung Absterben des Gewebes, Stauungstumore in Leber oder Milz, Lungenödeme oder -emphyseme können die Folge sein. Ein Aderlass entlastet dann Kreislauf und Herz. Das . «abgezapfte» Blut wird sofort durch Gewebsflüssigkeit ersetzt. Das verbleibende Blut wird verdünnt und ist weniger zähflüssig. So kann auch Blutgerinnseln vorgebeugt werden. Verkalkte Engpässe werden leichter passierbar. Die Gefahr, dass übervolle Gefässe zerreißen, was zu Schlaganfall, Blutungen ins Auge, Hämorrhoidal-, Nieren- oder Lungenblutungen führen kann, ist deutlich vermindert. Dieser «Verdünnungseffekt» ist auch gegen im Blut zirkulierende Bakterien oder Viren wirksam. 

Nicht nur bei Infektionskrankheiten, sondern auch bei äußeren Vergiftungen (Kohlenmonoxyd, Blei, Kampfgas), die den Sauerstoffaustausch an den roten Blutkörperchen blockieren, oder wenn sich körpereigne Gifte anhäufen (akuter Gichtanfall, Allergien, Schwangerschaftskrämpfe), kann eine Blutentnahme entgiften. Drehschwindel mit Ohrensausen verschwand, wie Ärzte berichteten schon nach einem einmaligen Aderlass. «Ein Aderlass zwischen Daumen und Zeigefinger wirkt Wunder bei Leber- und Zwerchfell-Leiden schrieb einst Avicenna (980—1037). Er vermag Fieber zu senken, die seelische Haltung zu wandeln und sogar bei Psychosen, Manie und Depression zu helfen. So wird Verlust zu Gewinn. 

Nicht angezeigt ist Aderlass bei Anämie, Abnahme oder Mangel an Körperwasser, akutem Durchfall, zu niedrigem Blutdruck, allgemeiner Körperschwäche sowie bei Kindern oder Greisen.