Cantharidenthreapie

Eine Hausfrau, 50 Jahre alt, leidet schon lange unter chronischem Rheumatismus, besonders in den Kniegelenken. Eines Tages lässt sie die gerade gefüllte Teekanne fallen. Der kochend heiße Inhalt ergießt sich über ihre Knie. Es bildet sich eine Verbrennung zweiten Grades, die recht schmerzhaft ist und mit großen Blasen einhergeht. Nach einigen Tagen entleeren die Blasen ihre farblose Flüssigkeit, die Haut heilt langsam wieder - und sie kann es kaum fassen: ihre Knie sind wieder frei beweglich! Das Rheuma ist wie weggeblasen!

VERBRENNUNGEN GEGEN RHEUMA

an beiden" Knieaugen"

Zugegeben, obige Geschichte klingt wie ein Märchen, aber bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden in Byzanz durch Cantharidenpflaster künstlich „Verbrennungen“ erzeugt, um chronisches Gelenkrheuma zu behandeln.Neben dem Cantharidenpflaster gibt es freilich noch einige andere blasenbildende Substanzen, wie Hahnenfußarten, Clematis, Giftsumach, Seidelbast und verschiedene exotische Pflanzen, die in der Volksmedizin der entsprechenden Länder in Gebrauch sind. Die Geschichte dieses Pflasters lässt sich weit zurückverfolgen: Hippokrates (460-3 70 v. Chr.) und später Paracelsus (1493-1541) schätzten es sehr, z. B. bei Gicht, chronischen Knochenleiden und Epilepsie. Hufeland (1762-1836) rechnete es zu den wichtigsten Heilmitteln überhaupt. Erst ab Mitte dieses Jahrhunderts wurde es wieder mehr verwendet. Doch worum handelt es sich?

MIT "SPANISCHEN FLIEGEN"

Die Canthariden, auch „spanische Fliegen“ („Cantarella“) genannt, sind grünliche Käfer in der Größe unserer Stubenfliege. Fürs Cantharidenpflaster werden diese Käfer („Lytta“ oder lateinisch Cantharis vesicatoria) pulverisiert und zu einer Paste verarbeitet, die auf Leukoplast gestrichen und auf die Haut aufgebracht werden kann. Dieses Pflaster kann je nach Erkrankung 2-10 cm groß sein und wird 12 bis 24 Stunden auf der rasierten Haut an der entsprechenden schmerzenden Stelle belassen. Unter dem Pflaster bildet sich eine Blase, die nach Abnehmen des Pflasters entleert und, mit Vaseline abgedeckt, verbunden werden soll. An der behandelten Stelle kann es zu einer rotbraunen Pigmentierung kommen. Ebenso wie das Baunscheidtieren und die Moxibustion (siehe dort) zählt das Cantharidenpflaster (Emplastrum Cantharidum) zu den Hautausscheidungsmethoden. Die starke, meist auch schmerzhafte Reaktion der Haut auf dieses Pflaster hat unterschiedliche Wirkungen auf den Organismus. (Das Pflaster enthält mindestens 0,7% des starken Giftes Cantharidin.) Daraus ergeben sich auch die Anwendungsmöglichkeiten.

AUSLEITEN KRANKER KÖRPERSÄFTE

Die Haut unter dem Pflaster wird gereizt und damit stärker durchblutet. Die Blase füllt sich mit seröser Flüssigkeit, wie sie sich bei einer Lungenfell-, Hirnhaut-, Herzbeutel- und Rückenmarkshautentzündung, bei Gelenkergüssen oder Asthma bronchiale bildet. Dieses Zuviel an Flüssigkeit soll zusammen mit anderen Giftstoffen aus dem Gewebe über die künstlich erzeugte Blase ausgeschieden werden. Neben dieser ableitenden Wirkung werden durch die Behandlung aber auch Nerven gereizt. Reflektorisch werden so über die Haut an inneren Organen Krämpfe gelöst und Schmerzen gestillt.
Bei Gallensteinkoliken, Gallenblasenentzündungen, Magenkrämpfen, auch bei Verengung der Herzkranzgefäße (Angina pectoris) und beim Ausbleiben der Menstruation hat sich das Cantharidenpflaster bewährt. Auch bei Multipler Sklerose, nach Schlaganfällen, bei Nervenschmerzen (lschiasschmerz) oder bei Patienten im Koma kann dieser starke äußere Reiz eine Verbesserung bewirken.
Ebenso wird berichtet von guten Erfahrungen bei Gürtelrose, Kopfschmerzen, Trigeminus-Neuralgien, Schwindel, Ohrensausen, Schwerhörigkeit und Migräne (im Wechsel mit Blutegeln).
Wie schon im Eingangsbeispiel erwähnt, ergeben sich die besten Erfolge bei chronischer und akuter Arthritis, bei Gicht und anderen Gelenkentzündungen, z. B. Coxitis (Hüftgelenkentzündung) und Bechterewscher Krankheit.
Der 1960 in New York verstorbene große Arzt Bernhard Aschner schildert in seinem „Lehrbuch der Konstitutionstherapie“ eindrücklich die Krankengeschichten verschiedener Patienten mit Knie-, Schulter- und Hüftgelenksrheuma, denen er nach zahlreichen anderen erfolglosen Therapieversuchen endlich durch ein 2 cm x 2 cm großes Cantharidenpflaster, aufgeklebt auf die schmerzende Stelle, helfen konnte.
Nicht angewendet werden darf das Pflaster bei schlecht heilender Haut, Unterschenkelgeschwüren, massiven Durchblutungsstörungen und offenen Beinen. Auch bei Diabetikern sollte man vorsichtig sein. Auf keinen Fall darf man es bei Nierenleiden einsetzen.
Zur Selbstbehandlung sind die Pflaster nicht geeignet. Sie gehören in die Hand eines Arztes, der auch überschießende Hautreaktionen entsprechend behandeln kann.